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Donnerstag, 14. Januar 2016

Entzugstagebuch: Eintrag 3

Tag 15

Im Vergleich zu den Tagen am Anfang geht es mir wirklich wunderbar. Ich kann sehr gut schlafen, träume mittlerweile normale Träume. Die Nächte sind angenehm und am Morgen bin ich ziemlich schnell ansprechbar und fit. Es fällt mir wieder leicht, Informationen aufzunehmen und umzusetzen. Ich kann mir problemlos 9 von 10 Dingen merken, ohne sie mir aufzuschreiben. Es ist toll, wirklich. Die Zeit auf Arbeit vergeht so schnell, wie lang nicht mehr. Heute zum Beispiel, habe ich beide Pausen verpasst und sie später als gewöhnlich nachgeholt. Ich kann offener mit Menschen umgehen und verhalte mich nicht gespielt natürlich, sondern bin einfach, wie ich bin. Freundlich, hilfsbereit, lustig.. doch gibt es eine Sache, die schlimmer geworden ist. Viel schlimmer. Mir fiel es nicht leicht, das zu verstehen. Vielleicht wollte ich es auch einfach nicht. Aber ich muss zugeben, dass ich voller Wut bin. In mir steckt ein riesiges, grauenvolles Etwas, das raus will. Wenn auf Arbeit irgendetwas ansteht, bei dem Rohe Kräfte sprechen müssen, ist das super. Ich hab noch nie ein Dielenbrett mit bloßer Hand aus dem Boden gerissen. Aber.. wenn es um soziale Interaktionen geht, ist es schrecklich. Reizbarkeit ist bei mir normal geworden. Ich könnte jedem zweiten Menschen das Auto eintreten oder ihm in die Schnauze hauen. Für eigentlich nichts. Neulich hielt eine Frau kurz auf dem Bürgersteig, damit ihr Mann die bestellte Pizza abholen kann. Ich kam problemlos daran vorbei, jedoch kochte in mir etwas auf. Wahrscheinlich kennt das jeder, der einmal Nudeln gekocht hat. Man sieht in den Topf und es scheint alles in Ordnung zu sein. Dann dreht man sich weg, um die Sauce vorzubereiten und schon hört man das Wasser zischen, das auf der Herdplatte verdampft. Andere Situation, exakt dasselbe Prinzip. Ich laufe mit Musik in den Ohren durch die Straßen und finde den Moment einfach angenehm. Es entspannt mich, durch die Dunkelheit zu wandern und dabei gute Musik zu hören. Alle sind im Stress, doch ich gehe einfach meinen Weg und weiß, dass ich gleich meine Ruhe habe, wenn die Tür hinter mir schließt. Ich blicke nach links, weil sich jemand hektisch bewegt. Ein junges Paar, das wahrscheinlich gerade vom Arzt kam, streitet sich. Der Mann zündet sich eine Zigarette an und macht diese "Was willst du eigentlich noch von mir!?"-Handbewegung.
Keine Ahnung, was dort los war. Meine Musik war zu laut, um ein Wort zu verstehen. Aber ich blieb stehen und sah ihm direkt in die Augen. Scheinbar habe ich ihm nur mit diesem Blick vermittelt, dass er aufpassen sollte, was er jetzt tut. Er sah mich an, während er etwas zu der Frau sagte. Als er mich sah, bewegten sich seine Lippen nicht weiter und seine Mimik schwenkte von sauer auf.. irgendwie eingeschüchtert. Er wirkte eigentlich nicht so, als würde er klein beigeben. Wie jemand, der gerne mal provoziert und auch die eine oder andere Prügelei erlebt hat. Doch er bewegte seinen Mund kein Stück mehr und ging die zwei Schritte zu seiner Autotür rückwärts, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen, Er stieg ein und wartete auf seine Partnerin. Ich überlege selbst jetzt noch, ob ich ihm für sein respektloses Verhalten dieser Frau gegenüber nicht einfach die Fresse hätte polieren sollen.

So, oder so ähnlich, verlaufen die meisten meiner Gedanken. Voller Hass, beinahe jeder ist Abschaum oder ein unsagbar schlechter Mensch in meinen Augen. Falls sich jemand fragt, wieso ich mich nicht mehr melde, ist das nicht eure Schuld. Nur will ich solche Momente nicht mit euch erleben. Deshalb bleibe ich lieber allein und versinke in diesem Meer aus schlechten Gefühlen, bevor ich auch nur einem meiner Freunde sowas antue. Das ist vor zwei Tagen schon einmal passiert und das muss ich nicht nochmal haben. Denn das Monster hat mich noch nicht besiegt, ich kämpfe weiterhin dagegen an. Diese Scheiße, die Gläubige "Besessenheit" nennen, ist nichts anderes als tief verankerter Menschenhass, gemischt mit Sehnsucht nach dem, was man nicht haben kann oder darf.
Wenn ich davon keine Ahnung hätte, würde ich auch behaupten, dass mich ein Dämon im Griff hat. Emely Rose? Du bist eine scheiß Heuchlerin. Dein verfickter Dämon war nur das, wozu du dir zu fein warst, es zuzugeben.

Und jetzt bin ich raus für's erste. Hoffe der Dreck ist bald vorbei und ich kann mich wieder auf Freunde konzentrieren. Hoffe das nimmt mir keiner übel. Habe mir eben vorgestellt, wie es laufen würde, wenn jemand mir in nächster Zeit etwas vorwirft, oder mir von seinem ach so schlechten Leben erzählt, weil irgendwas nicht schnell genug geht, oder sich etwas nicht genug um sie dreht.. sie sollten es lassen. Der Zeitpunkt passt ganz und gar nicht. Keine lieben Worte, keine Aufmunterung für solche banale Scheiße. Wir sind nicht mehr im Kindergarten, wo das schlimmste ein kaputtes Spielzeugauto war. Wenn wirklich was ist, kann ich vernünftig darüber reden. Aber wenn es nur das Rumgejammere ist, das normalerweise nur von einer 12-jährigen kommt, dann bitte, sollen sie es für sich behalten. Ich kümmere mich um wirkliche Probleme und nicht um die, die sich die Leute selbst machen. Scheiß Lappen. Happy fuck you.

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