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Sonntag, 29. November 2015

Sie können gar nix tun, allerhöchstens tanzen, bis die Wunde verheilt.

Der Wind schneidet mir eisige Spuren ins Gesicht, während der Schlitten immer schneller wird. Der Boden ist viel zu glatt, um die Richtung zu bestimmen. Geschwindigkeit und Kurs sind also nur minimal in meiner Hand. Keine Panik, das wird schon. Es geht immer schneller bergab. Im Prinzip habe ich nicht das Recht, mich über meine Situation zu beschweren, denn ich habe mich selbst hier hinbegeben und den Schlitten angestoßen. Als ich noch wenig Ahnung davon hatte, was auf mich zukommt, habe ich noch Gas gegeben und Spaß daran gehabt. Mittlerweile ist es eine Mischung aus Angst und Hoffnung. Je weiter ich fahre, desto mehr Hindernisse kommen auf mich zu. Steine und Bäume rasen im Augenwinkel an mir vorbei, sodass ich sie kaum noch erkennen kann. Sieht ein bisschen aus, wie der Blick aus dem Beifahrerfenster auf der Autobahn.
Ich weiß schon länger, dass diese Fahrt mit gebrochenen Gliedern, Schmerzen und blutenden Händen enden wird. Davor habe ich jedoch keine Angst. Ich habe Angst davor, dass niemand da ist, der mich aus dem Schnee sammelt und mich repariert. Jemand, der nach mir sieht und fragt, wie es so geht.
Jemand, der auch an mich denkt, wenn er nicht bei mir ist. Der sich fragt, was ich gerade wohl tue.
Ein kräftiger Schlag durch die Knochen holt mich aus diesem Gedankengang heraus.
Der Schlitten dreht ein wenig seinen Kurs und ich laufe Gefahr, an einer riesigen Kiefer zu zerschellen. Ich handle nicht, ich starre wie gelähmt auf den Stamm. Nein, wenn mir etwas passiert, liege ich hier und blute, bis der letzte Atemzug ungehört im Wald verstummt.
Ich kämpfe gegen die Physik, kämpfe gegen meinen Fehler, reiße den Schlitten zur Seite, lehne mich so weit zur Seite, wie ich nur kann. Der aufgewirbelte Schnee und kleine Steine springen mir von den Kufen aus ins Gesicht. Doch ich kann wegen solcher Lappalien nicht aufgeben.
Die linke Kufe des Schlittens schießt über die Wurzeln des Baumes, noch bevor ich mich wieder gerade hinsetzen konnte. Ich verliere den Halt und fliege unkoordiniert durch die Luft. Ich sehe abwechselnd Schnee, Himmel und Bäume. Bevor ich überhaupt richtig verstehe, was hier passiert, trifft mein Bein den Boden und zerbricht. Meine Schulter zertrümmert an einem anderen Baum. Ich werde durch Büsche geschleudert, die mein Gesicht aufschneiden. Ein herumliegender Ast bohrt sich in meinen Brustkorb und bleibt stecken.
Ich weiß nicht, wie oft ich mich überschlug, oder was für Verletzungen ich ansonsten habe. Der Schnee um mich herum färbt sich rot, während ich versuche aufzustehen. Jede Bewegung schmerzt entsetzlich. Jeder Versuch aufzustehen macht mich wahnsinnig. Ein Atemzug nach dem anderen wird von blutigem Husten begleitet. Dennoch schaffe ich es aufzustehen und langsam nach Hilfe zu suchen. Wo bin ich hier überhaupt? Gibt es hier irgendwo eine Stadt oder zumindest eine Straße, an der ich auf Hilfe warten kann?
Die Mischung aus Adrenalin und Hoffnung treibt mich weiter. Meine Fußspuren im Schnee werden von einer roten Spur begleitet, die zu dem Punkt meines Stillstands führen.
"Warum ist denn keiner hier, der mir helfen kann?"
Das Bild vor meinen Augen wird langsam blasser und verschwimmt.
Ich schließe sie kurz. Beim Öffnen merke ich schon, dass etwas nicht stimmt. Ich bin wieder am Boden. Den Aufprall spürte ich schon nicht mehr.
Die Angst, allein hier zu verenden, ohne dass jemand nach mir sieht, macht sich wieder breit.
Ich beginne zu singen, in der Hoffnung, dass es jemand hört.
"Vielleicht kommen wir irgendwann. Irgendwo nochmal zusammen. Wenn es regnet.. auf leeren Straßen.. wirst du mir zeigen, wie man tanzt?"

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