Es ist Nacht und keiner im Haus ist noch wach. Nur ein junger Mann sitzt an seinem Schreibtisch und blickt gedankenverloren auf das flimmernde Weiß seines Monitors. Ein Buchstabe nach dem anderen erscheint, während seine Finger über die Tastatur springen. Seine Gelenke sind starr. Der Kopf wird immer schwerer. Sein Hals immer schwächer. Gedanken kreisen durch den Schädel. Sein Blick ist kaum zu deuten. Als würde er in eine andere Welt sehen. Völlig abwesend schreibt er Wort für Wort.
In seiner Hand qualmt eine Zigarette, die er sich gerade angesteckt hatte. Dabei hatte er dies nicht einmal bemerkt. Er scheint sich in einer Art Trance zu befinden. Seine Gedanken wirken auf ihn alles andere als real. Als hinge er in einem Traum fest.
Solche Momente erlebt er seit einigen Jahren immer wieder. 'Das muss endlich aufhören.' ist sein erster Gedanke, wenn er nach so einer Nacht aufsteht, um sich für den Tag fertig zu machen. Nach seinem morgendlichen Ritual aus Zigarette, frischem Kaffee, Musik und einer Schüssel Cornflakes macht er sich auf den Weg in Richtung Stadt. Dort trifft er normalerweise jeden Tag seine Freundin, die zur Schule muss.
'Guten Morgen, Baby.'
'Hey.'
Sie umarmen sich kurz und geben sich einen Kuss.
'Wie hast du geschlafen?'
'Geht so und du?'
Er zieht die Schultern hoch und antwortet: 'Ach, es geht.'. Dabei springt ihm ein ganz anderer Gedanke durch den Kopf. 'Naja... eigentlich ziemlich beschissen.'
Während die beiden wie gewohnt denselben Weg wie immer gehen, rauchen sie noch eine Zigarette und unterhalten sich über das, was die nächsten Tage ansteht.
Pünktlich kurz vor Schulbeginn verabschieden sie sich wieder.
'Kommst du in der Pause wieder her?'
'Natürlich, mein Herz.'
'Okay, dann bis später.'
'Bis später. Ich liebe Dich.'
'Ich liebe Dich auch.'
Sie sehen sich noch einmal in die Augen, küssen sich und gehen dann ihre Wege.
Während er über den nassen Asphalt läuft, dreht er sich noch einmal zu ihr um. 'Sie ist so eine wundervolle und unvergleichlich schöne Frau. Wenigstens meint es das Schicksal in diesem Punkt gut mit mir.' denkt er sich dabei und wendet den Blick wieder von ihr ab. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht.
Entgegen allen anderen muss er nicht zur Arbeit oder zur Schule. Er läuft den Weg, den er gekommen ist wieder zurück und setzt sich an seinen Computer. Er liest, was er in der Nacht auf seinem Blog geschrieben hat. Erinnern kann er sich nur wage an die Sätze, die er in die Tasten schlug. Im selben Moment fangen seine Gedanken wieder an zu kreisen. Sie kommen ganz leise aus der hintersten Ecke seiner verworrenen Hirnwindungen angeschlichen und werden immer lauter, bis sie ihm, von jetzt auf gleich, in die Ohren brüllen: 'JUNGE, MACH ETWAS AUS DIR! DU KANNST NICHT EWIG WEGLAUFEN UND DICH VERSTECKEN! DEIN GEWISSEN HOLT DICH SOWIESO EIN!'
Frustriert und niedergeschlagen starrt er an seine Wand, während eine weitere Zigarette zwischen seinen Fingern glimmt. Er hört die Glut am Ende knistern, als er an ihr zieht.
Dabei schreit sein Gewissen ihn unaufhörlich an. 'DU HAST ES SCHON WIEDER NICHT GESCHAFFT!', dröhnt es in seinen Ohren.
Er hört nichts weiter als sein inneres Ich und seinen Herzschlag. Er ist laut und mit jedem Impuls merkt er, wie das Blut durch seine Adern strömt.
Als sein Blick auf die Uhr schweift schreckt er auf.
'Oh verdammt, ich muss mich beeilen.'
Die Zigarette qualmt im Aschenbecher, während er die Tür aufreißt und die Treppe heruntersprintet.
Er hüpft in seine Schuhe, zieht die nächste Tür auf, macht einen Schritt hinaus und schließt sie wieder.
In ein paar Minuten sieht er seine geliebte wieder.
Musik auf den Ohren. Lächeln auf den Lippen. Gedanken nur bei ihr.
Ruhe.
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